"Die Anspannung ist eine andere"

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Bericht von Spiegel OnlineAus zwei mach eins: Nach der kommenden Saison wird aus den beiden zweiten Handball-Ligen eine Spielklasse. Für den Verbleib in der eingleisigen Liga gehen viele Clubs an ihre finanziellen Grenzen - mit ungewissen Erfolgsaussichten, schreibt das "Handball Magazin".

 

Es ist stickig, von den Gesichtern von Oliver Schulz, Tom Grunwaldt und ihren Teamkollegen fließt der Schweiß. Fäuste fliegen durch die Luft. Die Spieler des TV Groß-Umstadt haben sich an einem für Handballer ungewöhnlichen Ort versammelt. Im Offenbacher Boxclub Nordend suchen sie Lücken in der Deckung des Gegners und teilen Schläge aus. Als das Sparring beendet ist, sagt Trainer Ralf Ludwig zu seinen Spielern: "Wir haben eine schwere Saison vor uns, ihr Jungs müsst euch durchboxen."

Die Handballer im Boxring taugen als Sinnbild für die Spielzeit 2010/11: Fast die Hälfte der Zweitliga-Teams wird k.o. gehen. Aus 34 Mannschaften in den beiden derzeitigen zweiten Ligen werden 20, aus den beiden Spielkassen eine. Wer in der ersten eingleisigen zweiten Liga in der Geschichte des deutschen Handballs spielen möchte, muss mindestens Neunter werden; die Zehnten haben immerhin die Möglichkeit, sich in der Relegation für die neue Spielklasse zu qualifizieren. Der Rest findet sich in Liga drei wieder. Dieter Koopmann, Manager des Wilhelmshavener HV, sagt: "Für alle Mannschaften geht es um Auf- und Abstieg."

 

Aufsteiger mit geringen Chancen

Die Aufsteiger haben es besonders schwer. Acht Vereine, am besten neun müssen Clubs wie Groß-Umstadt für den Klassenverbleib hinter sich lassen - eine kaum lösbare Aufgabe für den Neuling, der ausschließlich auf Spieler aus der Region setzt und einen Etat von 200.000 Euro hat. "Wenn wir es uns hätten aussuchen dürfen, dann wären wir sicher nicht in diesem Jahr aufgestiegen", sagt Ludwig. Der sportliche Leiter Holger Zindt sagt: "Vom Klassenverbleib zu reden, wäre Blödsinn."

Beim Handballclub Aschersleben bewertet man die eigenen Chancen ähnlich nüchtern. "Wir werden sehr viel Glück brauchen", sagt Präsident Jürgen Arndt. Der Vorteil für die Aufsteiger, zu denen auch die SG Haslach-Herrenberg-Kuppingen, OSC Rheinhausen und das zweite Team der Füchse Berlin zählen: Keiner rechnet damit, dass sie den Sprung schaffen - den Füchsen als Erstligareserve bleibt er ohnehin verwehrt. Sie können sich befreit in das Abenteuer stürzen und, so Arndt, "Spaß haben".

Anderswo sind die Erwartungen und auch der Druck höher. Viele Mannschaften haben die Qualifikation für die eingleisige Liga zum Ziel - die Nervosität ist größer als vor vergangenen Spielzeiten. "Die Anspannung ist eine andere", sagt Wilhelmshavens Manager Koopmann. "Das wird eine sehr enge, haarige Angelegenheit."

 

Clubs hoffen auf mehr Geld von Sponsoren

Sven Jonas, Geschäftsführer des VfL Bad Schwartau, verspricht sich in den nächsten Monaten "einen großem Schritt Richtung Professionalität". Tatsächlich wird es interessant sein zu beobachten, ob die Liga sich bereits in diesem Jahr so entwickelt, wie die Befürworter der Reform es sich erhoffen. Karsten Wöhler, Sportlicher Leiter des ThSV Eisenach, glaubt, "dass das Niveau zehn bis 15 Prozent höher sein wird".

Auch die Geldgeber verschieben ihre Grenzen für die Mission nach oben. "Unsere Sponsoren haben aufgrund der Wichtigkeit ihr Engagement ein Stück weit erhöht", sagt Wöhler.

Nicht jeder ist von der Ligen-Fusion so überzeugt wie Wöhler ("Eine große Herausforderung") und Koopmann ("Bringt den Handball weiter"). Zum Beispiel der TV Emsdetten, der den Aufstieg in die Erste Liga zuletzt knapp verpasste. "Wegen der eingleisigen Liga kommt kein zusätzliches Unternehmen auf uns zu - null", sagt Manager Frank Thünemann. Damit widerspricht er der allgemeinen Behauptung, die Strahlkraft einer bundesweit organisierten Spielklasse verleite die Sponsoren zu mehr Großzügigkeit.

 

Eingleisige Liga nur mit Vollprofis zu bewältigen

Thünemann sieht die finanziellen Risiken in der geeinten Liga weiter wachsen. Mit der Entfernung der Gegner steigen die Anforderungen an die Spieler, mehr Zeit in ihren Sport zu investieren. Diesen Anspruch, so der zweimalige Nationalspieler, "kann man eigentlich nur noch mit Vollprofis erfüllen". Und das ist teuer.

 

Die eigene finanzielle Lage und insbesondere die der Konkurrenz sind sensible Themen, kaum jemand mag sich dazu äußern. Ascherslebens Präsident Arndt deutet seine Sorge zumindest an. "Man muss abwarten, wie sich diese Saison wirtschaftlich entwickelt und ob jeder durchkommt." Dass die Spielbetriebsgesellschaft der Delitzscher beim Amtsgericht Leipzig Insolvenz angemeldet hat, ist kein gutes Signal.

 

Ob sich manche Vereine einen finanziellen Vorgriff auf die übernächste Saison leisten, weil sie mit aller Macht die Qualifikationshürde nehmen wollen? Sportlich wird es jede Menge Verlierer geben - so viele wie nie zuvor. "Es werden einige Traditionsclubs rauspurzeln", sagt Bad Schwartaus Geschäftsführer Jonas.

Im Boxen gilt das Gesetz: They never come back. Gut möglich, dass man viele der Absteiger nach der kommenden Zweitliga-Saison nie wieder in der zweitobersten Spielklasse sehen wird.

 

Spiegel Online vom 17.08.2010